Vollschrift und Kurzschrift: die Stufen der Brailleschrift

Die deutsche Brailleschrift gibt es in drei Stufen. Die Basisschrift schreibt jeden Buchstaben einzeln. Die Vollschrift fasst acht häufige Lautgruppen wie au, ei, ch und sch in je einem Zeichen zusammen. Die Kurzschrift kürzt darüber hinaus viele Silben und Wörter ab und macht Texte etwa ein Drittel kürzer. Festgelegt sind alle drei im Regelwerk „Das System der deutschen Brailleschrift“ des Brailleschriftkomitees der deutschsprachigen Länder (BSKDL), gültig seit dem 1. Januar 2018.

Das Wichtigste

  • Basisschrift: ein Zeichen pro Buchstabe, ohne Kürzungen.
  • Vollschrift: Basisschrift plus acht Lautgruppenkürzungen. Laut Regelwerk ist sie die Grundstufe für den Erwerb der deutschen Brailleschrift.
  • Kurzschrift: übernimmt die acht Lautgruppen, ergänzt 31 weitere auf 39 Sigel und kürzt Wörter ab. Sie verringert den Umfang von Braille-Texten um etwa ein Drittel.
  • Gekürzt wird nur, wo Buchstaben wirklich zusammengehören: nicht über Wortfugen, nicht zwischen Vorsilbe und Stamm.

Warum es Kürzungen gibt

Ein Braillepunkt braucht eine Mindestgröße, damit der Finger ihn spürt, und die Zelle lässt sich nicht verkleinern. Darum braucht Brailleschrift viel mehr Platz als Schwarzschrift: Ein Buch wird zu mehreren Bänden. Kürzungen sparen Platz und machen das Lesen und Schreiben schneller – um den Preis von mehr Regeln.

Die acht Lautgruppen der Vollschrift

Lautgruppe Zeichen
au ⠡
eu ⠣
ei ⠩
ch ⠹
sch ⠱
st ⠾
äu ⠌
ie ⠬

Beispiele aus dem Regelwerk:

Wort Basisschrift Vollschrift
Baum ⠃⠁⠥⠍ ⠃⠡⠍
heute ⠓⠑⠥⠞⠑ ⠓⠣⠞⠑
Eisen ⠑⠊⠎⠑⠝ ⠩⠎⠑⠝
Docht ⠙⠕⠉⠓⠞ ⠙⠕⠹⠞
Asche ⠁⠎⠉⠓⠑ ⠁⠱⠑
Bäume ⠃⠜⠥⠍⠑ ⠃⠌⠍⠑
Liebe ⠇⠊⠑⠃⠑ ⠇⠬⠃⠑
Stammgäste ⠎⠞⠁⠍⠍⠛⠜⠎⠞⠑ ⠾⠁⠍⠍⠛⠜⠾⠑

Die Regeln der Vollschrift

Kürzungen sind an Bedingungen geknüpft. Das Regelwerk nennt unter anderem:

  • Keine Kürzung über Wortfugen: nicht das „st“ in „Dienstag“, nicht das „ei“ in „Nordseeinsel“, nicht das „au“ in „Wolgaufer“.
  • Keine Kürzung zwischen Vorsilbe und Stamm: nicht das „eu“ in „beurteilen“, nicht das „ei“ in „geimpft“.
  • Vokalverbindungen nur, wenn sie ein Laut sind: „ie“ wird in „Liebe“ gekürzt, aber nicht in „Vietnam“ oder „Interview“.
  • „sch“ nur als ein Laut: also nicht in „Scherzo“.
  • „st“ nicht in „sst“, etwa in „bewusst“.

Gerade diese Regeln hängen von der Bedeutung und der Aussprache ab. Deshalb überträgt unser Brailleschrift-Übersetzer nur Basisschrift: Für Voll- und Kurzschrift braucht es das Wissen, wo ein Wort zusammengesetzt ist.

Die Kurzschrift

Die Kurzschrift übernimmt alle Zeichen und Regeln der Basis- und Vollschrift und ergänzt die acht Lautgruppen um 31 weitere zu 39 Sigeln; dazu kommen gekürzte Wörter. Einige Lautgruppenkürzungen aus dem Regelwerk:

Wort Kürzung Kurzschrift
Land an = ⠖ ⠇⠖⠙
Ende en = ⠉ ⠉⠙⠑
Welt el = ⠽ ⠺⠽⠞
Licht ich = ⠼ ⠇⠼⠞
klein ein = ⠫ ⠅⠇⠫
Frage ge = ⠯ ⠋⠗⠁⠯

Viele Zellen bekommen dabei eine zweite Bedeutung. Das Zeichen aus allen sechs Punkten (⠿) steht in der Kurzschrift für „es“; das Zahlzeichen (⠼) steht innerhalb und am Ende eines Wortes für „ich“, wie in „Licht“. Was ein Zeichen bedeutet, ergibt sich aus der Stellung im Wort.

Womit man anfängt

Das Regelwerk ist eindeutig: Die Vollschrift ist die Grundstufe. Wer Brailleschrift lernt, beginnt mit dem Alphabet in Basisschrift, nimmt die acht Lautgruppen dazu und lernt die Kurzschrift danach. Das Alphabet und die Lautgruppen stehen im Blindenschrift-Alphabet, der Weg dorthin in Blindenschrift lernen.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Vollschrift und Kurzschrift?

Die Vollschrift kürzt nur acht Lautgruppen (au, eu, ei, ch, sch, st, äu, ie). Die Kurzschrift nutzt 39 Lautgruppenkürzungen und kürzt dazu ganze Wörter ab.

Was ist Basisschrift?

Die Brailleschrift ohne Kürzungen: ein Zeichen pro Buchstabe. Sie ist die Grundlage der beiden anderen Stufen.

Wie viel Platz spart die Kurzschrift?

Laut Regelwerk verringert sie den Umfang von Braille-Texten um etwa ein Drittel.

Muss ich die Kurzschrift lernen?

Nicht für den Anfang. Mit Basis- und Vollschrift kann man alles lesen und schreiben. Die Kurzschrift macht das Lesen schneller und spart Platz; man lernt sie, wenn das Alphabet sicher sitzt.