Was ist Blindenschrift? So funktioniert Brailleschrift
Blindenschrift ist eine Schrift zum Lesen und Schreiben mit den Fingern. Jedes Zeichen besteht aus bis zu sechs erhabenen Punkten in einem kleinen Rechteck, der Braille-Zelle: zwei Punkte breit, drei Punkte hoch. Wer liest, fährt mit den Fingerkuppen über die Punkte und erkennt jede Zelle als Buchstaben, Ziffer oder Satzzeichen. Erfunden hat sie der Franzose Louis Braille um 1824; veröffentlicht wurde sie 1829. Darum heißt sie auch Brailleschrift – oder schlicht Punktschrift.
Blindenschrift ist keine Sprache. Sie ist eine Art, eine Sprache zu schreiben, so wie das lateinische Alphabet Deutsch, Spanisch oder Türkisch schreibt. Niemand spricht „Braille“: Was in Brailleschrift steht, ist Deutsch, Japanisch oder Arabisch.
Das Wichtigste
- Blindenschrift ist eine Tastschrift, keine Sprache.
- Jedes Zeichen sitzt in einer Zelle aus sechs Punkten: 1, 2, 3 in der linken Spalte, 4, 5, 6 in der rechten.
- Sechs Punkte ergeben 64 Kombinationen, einschließlich der leeren Zelle, die als Leerzeichen dient.
- Dieselbe Zelle kann mehreres bedeuten: ⠁ ist a, nach dem Zahlzeichen die 1.
- Deutsche Brailleschrift gibt es als Basisschrift, Vollschrift und Kurzschrift, geregelt vom Brailleschriftkomitee der deutschsprachigen Länder.
- Brailleschrift ist nicht international einheitlich: Jede Sprache gibt den Zellen eigene Bedeutungen.
Die Braille-Zelle
Jedes Zeichen nutzt dieselben sechs Positionen:
| Position | Punkt |
|---|---|
| oben links | 1 |
| Mitte links | 2 |
| unten links | 3 |
| oben rechts | 4 |
| Mitte rechts | 5 |
| unten rechts | 6 |
Ein Zeichen beschreibt man durch die erhabenen Punkte: a ist Punkt 1 (⠁), b sind die Punkte 1 und 2 (⠃), l die Punkte 1, 2 und 3 (⠇). Die Zelle ist für den Tastsinn gemacht, nicht für das Auge: Sie passt unter eine Fingerkuppe und lässt sich auf einmal erkennen.
Mit sechs Punkten gibt es 2⁶ = 64 Kombinationen. Das reicht für die Buchstaben, die Umlaute, die Satzzeichen und eine Reihe von Zeichen, die die Bedeutung der nächsten Zelle ändern.
Buchstaben, Zahlen und Großbuchstaben
| Schwarzschrift | Brailleschrift | Wie |
|---|---|---|
| a | ⠁ | Punkt 1 |
| ä | ⠜ | eine eigene Zelle |
| 1 | ⠼⠁ | das Zahlzeichen, dann a |
| Haus | ⠓⠁⠥⠎ | Großschreibung wird in der Regel nicht angezeigt |
| DRK | ⠘⠙⠗⠅ | Abkürzungen bekommen ein Zeichen für Großbuchstaben |
„Schwarzschrift“ nennt man in der Blindenschrift die gedruckte Schrift für das Auge. Eine Besonderheit des Deutschen: Groß- und Kleinschreibung wird in der Brailleschrift in der Regel nicht angezeigt, nur bei Abkürzungen, römischen Zahlen und einzelnen Großbuchstaben. Das ganze Alphabet mit ä, ö, ü und ß, Zahlen und Satzzeichen steht im Blindenschrift-Alphabet.
Basisschrift, Vollschrift, Kurzschrift
Die deutsche Brailleschrift kennt drei Stufen:
- Die Basisschrift schreibt jeden Buchstaben einzeln.
- Die Vollschrift fasst acht häufige Lautgruppen wie au, ei, ch, sch und st in je einem Zeichen zusammen. Sie ist laut Regelwerk die Grundstufe beim Lernen.
- Die Kurzschrift kürzt viele weitere Silben und Wörter ab und verringert den Umfang von Braille-Texten um etwa ein Drittel.
| Wort | Basisschrift | Vollschrift |
|---|---|---|
| Baum | ⠃⠁⠥⠍ | ⠃⠡⠍ |
| Liebe | ⠇⠊⠑⠃⠑ | ⠇⠬⠃⠑ |
Die Regeln dafür stehen in „Das System der deutschen Brailleschrift“, das das Brailleschriftkomitee der deutschsprachigen Länder (BSKDL) 2015 beschlossen hat und das seit dem 1. Januar 2018 gilt. Mehr in Vollschrift und Kurzschrift.
Brailleschrift ist nicht überall gleich
Die Zelle ist universell; was jede Kombination bedeutet, ist es nicht. Die meisten Sprachen mit lateinischem Alphabet teilen die 26 Grundbuchstaben, die aus der französischen Brailleschrift stammen, und ergänzen eigene Zellen – das Deutsche zum Beispiel ä, ö, ü und ß. Andere Schriften verteilen die Zellen ganz anders: Japanische Brailleschrift steht für Kana-Silben, koreanische für die Jamo des Hangeul.
Das deutsche Regelwerk nennt selbst ein Beispiel: Die Zelle aus allen sechs Punkten (⠿) ist im Französischen und Italienischen das é, in der deutschen Kurzschrift aber die Kürzung für „es“.
Wo man Brailleschrift findet
- In Büchern und Dokumenten, geprägt auf dickes Papier.
- Auf Medikamentenpackungen in der Europäischen Union: Der Name des Arzneimittels muss in Brailleschrift auf der Verpackung stehen (Artikel 56a der Richtlinie 2001/83/EG).
- Auf Beschilderungen, an Aufzügen und Handläufen.
- Auf Braillezeilen, Geräten mit kleinen Stiften, die sich heben und senken und Text vom Computer oder Handy in Brailleschrift anzeigen.
- In Musik und Mathematik, die eigene Braille-Notationen haben.
Wird Brailleschrift noch gebraucht?
Ja. Sprachausgabe und Screenreader haben verändert, wie blinde Menschen Computer nutzen, aber sie ersetzen die Brailleschrift nicht: Zuhören zeigt weder Rechtschreibung noch Satzzeichen noch das Layout eines Textes, und die sind beim Schreiben, Lernen und Arbeiten wichtig. Mit einer Braillezeile lässt sich derselbe digitale Text hören und mit den Fingern lesen.
Häufige Fragen
Ist Blindenschrift eine Sprache?
Nein. Sie ist ein Schriftsystem, um eine Sprache mit den Fingern zu lesen und zu schreiben. Deutsche Brailleschrift schreibt Deutsch, spanische Brailleschrift Spanisch.
Wie viele Punkte hat eine Braille-Zelle?
Sechs, in zwei Spalten zu drei. Für den Computer gibt es auch Brailleschrift mit acht Punkten, mit zwei zusätzlichen Punkten unten.
Wer hat die Blindenschrift erfunden?
Louis Braille, ein Franzose, der als Kind erblindete. Er entwickelte die Zelle aus sechs Punkten um 1824 und veröffentlichte sie 1829. Seine Geschichte: Louis Braille.
Ist Blindenschrift überall gleich?
Die Zelle und die Nummerierung der Punkte sind überall gleich, und gelesen wird immer von links nach rechts. Was jede Zelle bedeutet, hängt von der Sprache ab.
Wie lernt man Blindenschrift?
Mit der Nummerierung der Punkte und den ersten zehn Buchstaben, die nur die oberen vier Punkte nutzen; der Rest des Alphabets folgt aus zwei Regeln. Schritt für Schritt: Blindenschrift lernen.
