Louis Braille: der Erfinder der Blindenschrift

Louis Braille war ein französischer Lehrer, seit seinem fünften Lebensjahr blind, der die Schrift zum Lesen und Schreiben mit den Fingern erfand, die heute seinen Namen trägt. Er wurde am 4. Januar 1809 in Coupvray bei Paris geboren und starb am 6. Januar 1852 in Paris. Seine Zelle aus sechs Punkten entwickelte er als Schüler der Pariser Blindenschule mit etwa fünfzehn Jahren; veröffentlicht hat er sein Verfahren 1829.

Seine Erfindung bestand nicht darin, Geschriebenes tastbar zu machen – das hatten andere vor ihm versucht. Sie bestand darin, das Schreiben möglich zu machen. Vor ihm konnten blinde Schülerinnen und Schüler mühsam lesen, was Sehende für sie hergestellt hatten. Schreiben konnten sie nichts. Das erklärt, warum sich die Brailleschrift durchgesetzt hat und die anderen Systeme verschwunden sind.

Das Wichtigste

  • Geboren am 4. Januar 1809 in Coupvray, gestorben am 6. Januar 1852 in Paris, mit 43 Jahren.
  • Mit drei Jahren verletzte er sich in der Sattlerwerkstatt seines Vaters ein Auge; die Entzündung griff auf das andere über, und mit etwa fünf Jahren war er völlig blind.
  • Mit zehn kam er an die Königliche Blindenschule in Paris, wo man erhabene lateinische Buchstaben las: lesbar, aber für die Schüler selbst nicht schreibbar.
  • Er ging von der Punktschrift Charles Barbiers aus, die bis zu 12 Punkte pro Zeichen nutzte, und reduzierte sie auf 6, weil zwölf Punkte nicht unter eine Fingerkuppe passen.
  • Er entwickelte sein System mit etwa fünfzehn Jahren, veröffentlichte es 1829 und in zweiter Auflage 1837 – mit Notenschrift von Anfang an.
  • Zu Lebzeiten wurde es nicht offiziell eingeführt. Die Schule verbot es 1840 sogar und führte es erst 1854 ein, zwei Jahre nach seinem Tod.
  • 1952 wurden seine sterblichen Überreste ins Panthéon überführt; seine Hände blieben in Coupvray.

Steckbrief

Geboren 4. Januar 1809, Coupvray (Département Seine-et-Marne, Frankreich)
Gestorben 6. Januar 1852, Paris, mit 43 Jahren
Todesursache Tuberkulose
Erblindung Unfall mit drei Jahren, völlig blind mit etwa fünf
Ausbildung Königliche Blindenschule Paris, ab 1819
Berufe Lehrer an der Schule, Organist und Cellist
Erfindung Zelle aus sechs Punkten, 64 Kombinationen
Veröffentlichung 1829, zweite Auflage 1837
Offizielle Einführung 1854, zwei Jahre nach seinem Tod
Panthéon 1952, zum hundertsten Todestag

Wie Louis Braille erblindete

Louis Braille verlor sein Augenlicht nach einem Unfall im Alter von drei Jahren, 1812, in der Sattlerwerkstatt seines Vaters Simon-René Braille in Coupvray. Beim Spielen mit den Werkzeugen verletzte er sich ein Auge mit einer Ahle, dem Pfriem zum Durchstechen von Leder. Die Wunde entzündete sich, die Entzündung erfasste auch das gesunde Auge, und mit etwa fünf Jahren war er vollständig blind – so der Wikipedia-Artikel über Louis Braille und das Louis-Braille-Museum in Coupvray, das in seinem Geburtshaus untergebracht ist.

Welches Auge verletzt wurde, geben die Quellen unterschiedlich an. Fest steht der Ablauf: ein verletztes Auge, das andere durch die Entzündung verloren, mit drei Jahren.

Was Blinde vor der Brailleschrift lasen

Louis Braille kam im Februar 1819, mit zehn Jahren, als Stipendiat an die Königliche Blindenschule in Paris, die Valentin Haüy 1785 gegründet hatte – die erste Schule für blinde Kinder überhaupt. Gelesen wurde dort schon: Haüys Methode bestand darin, lateinische Buchstaben erhaben auf dickes Papier zu prägen. Die Schüler ertasteten die Form eines A, eines B, und erkannten sie.

Das funktionierte nur zur Hälfte, aus drei Gründen:

Grenze von Haüys Methode Folge
Lateinische Buchstaben sind runde Formen für das Auge Der Finger erkennt sie langsam und mühsam
Jede Seite musste mit Lettern gepresst werden Bücher waren teuer, riesig und schwer
Die Prägung brauchte eine Presse und eine Werkstatt Die Schüler konnten selbst nichts schreiben

Der dritte Punkt ist entscheidend. Ein Schüler konnte die wenigen Bücher der Schule lesen, aber keinen Brief, keine Mitschrift und keine Prüfungsantwort selbst schreiben. Er konnte Texte empfangen, aber keine hervorbringen.

Charles Barbier und die Schrift mit zwölf Punkten

1821 kam die Punktschrift von Charles Barbier de La Serre an die Schule. Statt die Form der Buchstaben nachzubilden, stellte sie Laute durch gestochene Punkte im Papier dar: bis zu zwölf Punkte pro Zeichen, in zwei Spalten zu sechs. Mit einem Griffel und einer Leiste konnte ein blinder Mensch schreiben. Zum ersten Mal ging Schrift in beide Richtungen.

Doch das System hatte einen Fehler, den der damals zwölfjährige Braille sofort bemerkte: Zwölf Punkte passen nicht unter eine Fingerkuppe. Um ein Zeichen zu lesen, musste man es abtasten, Punkte zählen, zurückgehen. Und weil es Laute darstellte, erlaubte es weder Rechtschreibung noch Satzzeichen noch Zahlen.

Oft heißt es, Barbier habe sein System als militärischen Code erfunden, damit Soldaten nachts ohne Licht Befehle lesen konnten. Diese Version wird heute ernsthaft in Frage gestellt: Die Forscherin Philippa Campsie verweist darauf, dass Barbier sein System schon in seiner Schrift von 1815 für blinde Menschen bestimmt habe. Wir legen uns nicht fest. Unbestritten ist der technische Kern: bei Barbier bis zu zwölf Punkte, bei Braille sechs.

Von zwölf Punkten zu sechs

Louis Braille legte seine Zelle aus sechs Punkten um 1824 fest, mit etwa fünfzehn Jahren: zwei Spalten zu drei Punkten, 64 Kombinationen einschließlich der leeren Zelle. Das Kriterium war der Tastsinn: Eine Zelle aus sechs Punkten passt ganz unter die Kuppe des Zeigefingers und lässt sich auf einmal erkennen, ohne sie abzutasten. Das macht das Lesen mit den Fingern zum Lesen statt zum Entziffern.

Barbiers Schrift Brailles Zelle
Punkte pro Zeichen bis zu 12, zwei Spalten zu 6 bis zu 6, zwei Spalten zu 3
Was sie darstellt Laute Buchstaben, Ziffern, Satzzeichen
Rechtschreibung nicht möglich möglich
Lesen mit dem Finger Zeichen muss abgetastet werden Zeichen passt unter den Finger
Kombinationen viele, aber schwer zu unterscheiden 64, einschließlich der leeren Zelle

Beim Alter sind sich die Quellen nicht einig: Viele nennen 1824, mit fünfzehn, andere um 1825, mit sechzehn, und das Museum in Coupvray beschreibt eine Entwicklung zwischen zwölf und sechzehn Jahren. Wir schreiben „mit etwa fünfzehn“.

Das Ergebnis ist das Alphabet, das bis heute gelernt wird. Das b sind die Punkte 1 und 2 (⠃), das l die Punkte 1, 2 und 3 (⠇), und Louis in Basisschrift ist ⠇⠕⠥⠊⠎. Die ganze Tabelle steht im Blindenschrift-Alphabet, und der Brailleschrift-Übersetzer überträgt jedes Wort.

Was er veröffentlichte

Louis Braille veröffentlichte sein Verfahren 1829, mit zwanzig Jahren, unter dem Titel Procédé pour écrire les paroles, la musique et le plain-chant au moyen de points… („Verfahren, um Worte, Musik und Gesang mit Punkten zu schreiben“). Der Titel sagt es: Die Musik war von Anfang an dabei. Braille spielte Cello und Orgel und war Organist an Pariser Kirchen, darunter Saint-Nicolas-des-Champs.

Die zweite Auflage von 1837 legte das System so fest, wie wir es kennen: Sie strich die Striche, die die erste Fassung noch mit den Punkten mischte, weil sich Strich und Punkt unter dem Finger verwechseln lassen. 1838 folgte ein Rechenbuch für blinde Schüler. Ab 1833 unterrichtete Braille an seiner Schule, unter anderem Grammatik, Geometrie und Algebra.

Warum sie zu seinen Lebzeiten nicht eingeführt wurde

Zu Lebzeiten wurde die Brailleschrift nicht offiziell anerkannt – und an der Schule, an der sie entstand, sogar verboten.

1840 übernahm Pierre-Armand Dufau die Leitung der Schule und verbot die Brailleschrift; die Schüler benutzten sie heimlich weiter. Die American Foundation for the Blind weist darauf hin, dass die damals verbrannten Bücher in Haüys alter Reliefschrift gedruckt waren, nicht in Brailleschrift.

Im Februar 1844, bei der Einweihung des neuen Schulgebäudes, führte Dufaus Stellvertreter Joseph Guadet das Lesen und Schreiben in Brailleschrift öffentlich vor, und die Schrift kehrte an die Schule zurück. Offiziell eingeführt wurde sie aber erst 1854, zwei Jahre nachdem Braille am 6. Januar 1852 an Tuberkulose gestorben war.

Das Panthéon und die Hände in Coupvray

Zum hundertsten Todestag, 1952, wurden seine sterblichen Überreste ins Panthéon in Paris überführt. Coupvray wollte etwas von seinem berühmten Sohn behalten: Seine Hände blieben in einer Urne auf seinem Grab im Dorf. Was Louis Braille verändert hat, ist genau das, was man mit den Händen tun kann.

Sein Geburtshaus in Coupvray ist heute das Louis-Braille-Museum.

Die 2-Euro-Münzen von 2009

Zu seinem 200. Geburtstag gaben Belgien und Italien 2009 2-Euro-Gedenkmünzen mit Louis Braille heraus. Deshalb suchen viele Sammlerinnen und Sammler nach der „2 € Louis Braille 2009“.

Zeitleiste

Jahr Ereignis
1809 Geboren am 4. Januar in Coupvray
1812 Unfall in der Werkstatt des Vaters, mit drei Jahren
um 1814 Völlig blind, mit etwa fünf
1819 Eintritt in die Königliche Blindenschule in Paris
1821 Barbiers Punktschrift kommt an die Schule
um 1824 Die Zelle aus sechs Punkten, mit etwa fünfzehn
1829 Veröffentlichung des Verfahrens, mit Notenschrift
1833 Lehrer an der Schule
1837 Zweite Auflage: nur noch Punkte
1840 Schulleiter Dufau verbietet die Brailleschrift
1844 Guadets Vorführung bringt sie zurück
1852 Gestorben am 6. Januar in Paris, mit 43
1854 Offizielle Einführung an der Schule
1952 Überführung ins Panthéon
2009 2-Euro-Gedenkmünzen in Belgien und Italien
2018 Die UNO erklärt den 4. Januar zum Welt-Braille-Tag

Häufige Fragen

Wie alt war Louis Braille, als er die Blindenschrift erfand?

Etwa fünfzehn. Meist wird 1824 genannt, manche Quellen nennen 1825, und das Museum in seinem Geburtshaus beschreibt eine Entwicklung zwischen zwölf und sechzehn Jahren. Veröffentlicht hat er sie 1829, mit zwanzig.

Warum war Louis Braille blind?

Mit drei Jahren verletzte er sich in der Sattlerwerkstatt seines Vaters mit einer Ahle ein Auge. Die Entzündung griff auf das andere Auge über, und mit etwa fünf Jahren war er völlig blind.

Hat Louis Braille die Schrift von Charles Barbier kopiert?

Nein. Er ging von Barbiers Idee aus, mit gestochenen Punkten zu schreiben, und hat das selbst anerkannt. Alles andere änderte er: sechs statt zwölf Punkte, damit eine Zelle unter den Finger passt, und Buchstaben, Ziffern und Satzzeichen statt Laute.

Wo ist Louis Braille begraben?

Seit 1952 im Panthéon in Paris. Seine Hände blieben auf Wunsch seines Heimatdorfs in Coupvray.

Wann ist der Welt-Braille-Tag?

Am 4. Januar, Louis Brailles Geburtstag. Die UN-Generalversammlung hat ihn mit der Resolution A/RES/73/161 vom 17. Dezember 2018 ausgerufen; begangen wird er seit 2019.

Was genau ist Blindenschrift?

Eine Schrift zum Lesen und Schreiben mit den Fingern: Jedes Zeichen ist eine Kombination aus bis zu sechs erhabenen Punkten. Mehr dazu in Was ist Blindenschrift?