Helen Keller und die Blindenschrift: wie sie las und schrieb

Ja, Helen Keller las Blindenschrift, und zwar mehr als eine. In den USA ihrer Zeit konkurrierten mehrere Punktschriften, und sie hatte sie alle gelernt. „Ich lese alle Systeme“, schrieb sie 1909 in einem Brief, der mitentschied, welche Schrift amerikanische Schulen lehren sollten. Ihre Manuskripte schrieb sie auf einer Braille-Schreibmaschine und übertrug sie dann auf einer gewöhnlichen Schreibmaschine, berichtet die American Foundation for the Blind (AFB).

Hier: wie sie lesen lernte, welche Blindenschrift sie benutzte, ihr Brief im „Krieg der Punkte“ und ihr Brief an die deutschen Studenten von 1933. Fakten und Zitate stammen aus der Biografie und der Geschichte des Punktschriftstreits der AFB.

Das Wichtigste

  • Helen Keller wurde am 27. Juni 1880 in Tuscumbia, Alabama, geboren und war nach einer Krankheit mit 19 Monaten taub und blind.
  • Ihre Lehrerin Anne Sullivan kam am 3. März 1887 und brachte ihr Wörter bei, indem sie sie in ihre Hand buchstabierte.
  • Sie las mehrere Punkt- und Reliefschriften; 1909 schrieb sie, sie lese alle Systeme.
  • Ihre Bücher schrieb sie auf einer Braille-Schreibmaschine.
  • 1903 erschien ihre Autobiografie The Story of My Life, auf Deutsch als Die Geschichte meines Lebens.
  • 1904 schloss sie das Radcliffe College ab, als erste taubblinde Person mit einem Bachelor.
  • Am 9. Mai 1933 schrieb sie einen offenen Brief an die Studenten in Deutschland, die auch ihr Buch How I Became a Socialist verbrennen wollten.

Wie sie Sprache lernte

Die AFB erzählt es so: Anne Sullivan, 20 Jahre alt und Absolventin der Perkins School for the Blind, kam am 3. März 1887 in Tuscumbia an, ein Datum, das Helen Keller später den Tag nannte, der ihr Leben veränderte. Einen Monat später, an der Wasserpumpe, hielt Sullivan eine von Helens Händen unter das Wasser und buchstabierte „w-a-t-e-r“ in die andere. Plötzlich bekamen die Zeichen einen Sinn (Biografie der AFB, englisch).

Das war das Fingeralphabet: Buchstaben, die man in die Handfläche tastet. Die Blindenschrift kam danach, als Weg, selbst zu lesen. 1890, mit zehn Jahren, wollte sie auch sprechen lernen und wurde von Sarah Fuller an der Horace Mann School for the Deaf in Boston unterrichtet. Die Szene an der Pumpe ist durch das Theaterstück und den Film Licht im Dunkel (The Miracle Worker) bekannt.

Welche Blindenschrift sie las

Ende des 19. Jahrhunderts gab es in den USA keine einheitliche Blindenschrift. Bücher für Blinde wurden in konkurrierenden Systemen gedruckt: in Reliefschrift, die die Form gedruckter Buchstaben nachahmt, in New York Point, in amerikanischer Braille und in englischer Braille, die von Louis Brailles französischem Original abstammte. Wer alles lesen wollte, musste mehrere lernen. Helen Keller tat es.

Der Krieg der Punkte

Der Streit zwischen diesen Systemen war so heftig, dass er als „War of the Dots“, Krieg der Punkte, in Erinnerung blieb. 1909, als New York entschied, welches System in den neuen Klassen für blinde Kinder gelehrt werden sollte, schrieb Helen Keller an die Schulbehörde (AFB, War of the Dots). Es gehe ihr nicht um sich selbst, da sie alle Systeme lese, sondern um die vielen Blinden, die ihr Glück nicht teilten.

Sie sprach sich für die amerikanische Braille aus. Bücher in New York Point ließen meist Großbuchstaben, Apostrophe und Bindestriche weg, was ihrer Meinung nach der Rechtschreibung der Kinder schadete. Und ihr Lesefinger ermüde mehr bei Zeichen, die drei Punkte breit und zwei hoch sind wie in New York Point, als bei Zeichen, die zwei Punkte breit und drei hoch sind wie in Braille.

Das ist bis heute die Logik der Blindenschrift: eine Zelle zwei Punkte breit und drei hoch passt unter die Fingerkuppe. Mehr dazu in Was ist Blindenschrift?

Wie der Streit endete

New York wählte Braille für seine Schulen. Die Debatte dauerte noch zwei Jahrzehnte, bis am 19. Juli 1932 Vertreter der Blinden Großbritanniens und der USA eine Einigung auf eine gemeinsame Schrift unterzeichneten. Ihr Nachfolger ist die Schrift, die englischsprachige Länder heute nutzen, die Unified English Braille.

Schreiben: die Braille-Schreibmaschine

Helen Keller war vor allem Schriftstellerin. Die AFB berichtet, dass sie ihre Manuskripte auf einer Braille-Schreibmaschine vorbereitete und dann für sehende Leser auf einer gewöhnlichen Schreibmaschine abschrieb. Eine Braille-Schreibmaschine hat sechs Tasten, eine pro Punkt, und prägt eine ganze Zelle mit einem Anschlag.

Ihr Name in deutscher Blindenschrift: ⠓⠑⠇⠑⠝⠀⠅⠑⠇⠇⠑⠗. In der deutschen Vollschrift werden Großbuchstaben in der Regel nicht eigens markiert.

1933: der Brief an die deutschen Studenten

Am 10. Mai 1933 verbrannten Studenten in Deutschland Bücher, die sie für „undeutsch“ hielten, darunter Helen Kellers How I Became a Socialist. Am Tag davor, dem 9. Mai 1933, veröffentlichte sie einen offenen Brief an die Studenten, der unter anderem auf der Titelseite der New York Times erschien. Ihr Kernsatz: Wer glaube, Ideen töten zu können, habe aus der Geschichte nichts gelernt (Zinn Education Project, englisch).

Häufige Fragen

Konnte Helen Keller Blindenschrift lesen?

Ja. Sie las mehrere Punktschriften, darunter amerikanische Braille und New York Point; 1909 schrieb sie, sie lese alle Systeme.

Wie lernte Helen Keller lesen?

Anne Sullivan brachte ihr ab 1887 Wörter bei, indem sie sie mit dem Fingeralphabet in ihre Hand buchstabierte. Später las sie Reliefschrift und Blindenschrift mit den Fingern.

Schrieb Helen Keller in Blindenschrift?

Ja. Sie schrieb ihre Manuskripte auf einer Braille-Schreibmaschine und übertrug sie dann auf einer gewöhnlichen Schreibmaschine.

Welches Buch schrieb Helen Keller?

Ihre Autobiografie The Story of My Life erschien 1903, auf Deutsch als Die Geschichte meines Lebens.

Wer hat die Blindenschrift erfunden?

Louis Braille, um 1824 in Frankreich. Siehe Louis Braille.